 | Kölscher Klüngel ist nichts böses. Dokumentation von Nicolas Kremershof Eine ältere Dame und Vermieterin verfügt nur über eine einzige Mülltonne für ihr Mietshaus. Eine notwendige zweite Tonne würde Geld kosten. Da gibt sie lieber den Müllmännern ab und zu was in die Hand, damit die auch die paar Mülltüten neben der Tonne noch mitnehmen – und alle sind zufrieden. Das ist der Klüngel, wie er überall vorkommt, wo sich Menschen arrangieren, und der in Köln seine ganz spezifische Ausprägung und seinen Namen erhielt. Der Kölsche Klüngel ist ein System des Gebens und Nehmens, bei dem man sich gegenseitig durch das ach so schwierige Leben hilft. Er fängt bei der Nachbarschaftshilfe im Kleinen an – und endet im schlimmsten Fall in handfester Korruption von riesigen Dimensionen. In dieser Zeitung dokumentiert Nicolas Kremershof einzelne Klüngel- und Korruptionsfälle aus Köln. Sie zeigt auf, dass der Klüngel seinen Siegeszug bereits im Mittelalter hier am Rhein begann. Warum entstand er gerade in Köln – und warum konnte er hier so gut gedeihen? Der Titel „Kölsche Klüngel ist nichts Böses“ impliziert die Spannbreite und signalisiert, dass die Trennlinien zwischen „Noch nicht böse“ und „Böse“ unscharf sind, sich überlappen: Wann wird die menschlich verständliche Hilfe und Unterstützung überschritten hin zur Korruption, die das Gemeinwohl gefährdet, wann wird es kriminell, wann ist es noch sympathisch und zu vernachlässigen? Die Zeitung ist auf dem Papier gedruckt, das wir auf den Tischen von Imbissbuden finden, oder auf Biertischen bei Vereinsfesten – Orte des Klüngels, hier geht’s meistens los. Beim typischen Kölner Bier, dem Kölsch wird gern geklüngelt – in Kölsch, dem Kölner Dialekt! Das Papier ist halb transparent, halb intransparent – Dinge scheinen durch, halb deutlich, halb undeutlich – so wie es das Wesen des Klüngelns ist. (2009) | |